Benediktinische Spiritualität

Benediktinische Spritualität nimmt menschliches Leben in seiner Vielfalt als Geschenk und Auftrag an. Sie will den Alltag in seinen weltlichen und menschlichen Gegebenheiten auf Gott hin durchsichtig machen. Sie versucht beständig aus dem Geist des Evangeliums und im Blick auf Jesus Christus das Leben zu gestalten.

Zentrale Gestalten benediktinischer Spiritualität sind Benedikt von Nursia und seine Schwester Scholastika. Benedikt lebte um 480 – 548 nach Christus in Mittelitalien.
Benedikt wollte am Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter ein entschiedenes christliches Leben führen, das er als freiwilllige Antwort auf den in der Taufe ergehenden Anruf Jesu Christi verstand. Er orientierte sich auf seinem spirituellen Weg an den Erfahrungen des altkirchlichen Mönchtums der Einsiedler (z.B. Antonius der Große) und der in Gemeinschaft lebenden Mönche (z.B. Pachomius, Basilius der Große).

Benedikt, dessen Name „Gesegneter“ bedeutet, wuchs zu einem Menschen heran, der in seiner Zeit durch seine persönliche Nachfolge Jesu und eine klösterliche Ordnung heilend und versöhnend in das Leben vieler Menschen hineinwirkte. Bis heute versuchen etwa 8000 Mönche und 15000 Nonnen in ihren Klöstern auf allen Kontinenten diesen Auftrag unter den jeweiligen kulturellen und sozialen Gegebenheiten zu verwirklichen und so gemeinsam dem Evangelium zu dienen.

Wesentliche Ausdrucksform benediktinischer Spirtualität ist das öffentlich gefeierte Stundengebet, das den Alltag mit seinen unterschiedlichen Erfahrungen in Lob und Dank, Fürbitte und Klage auf Gottes Gegenwart hin transparent machen will.

Die persönliche Begegnung mit Gott im Zeugnis der heiligen Schriften der Bibel durch regelmäßige Lektüre und das persönliche Gebet in Schweigen und vertrautem Gespräch soll dem Mönch - wie jedem Getauften - helfen, die  beständige Gegenwart Gottes im eigenen Leben zu entdecken. Lektüre und Schweigen bereiten für das gemeinsame Gebet vor und üben es ein. Regelmäßiges Schweigen will in den unterschiedlichen Anforderungen des Alltags helfen, Erfahrungen nachklingen zu lassen, unangemessenen Ansprüchen Grenzen zu setzen, sich Zeitdruck und Hektik zu entziehen und Wesentliches für das eigene Leben zu entdecken.

Die Arbeit ist Teilnahme an der Gestaltung der Schöpfung, alltägliche Arbeit an sich selbst und mit den Mitmenschen. Im Umgang mit alltäglichen Freuden und Sorgen, in Erfolg und Scheitern, in Kreativität, Sorgen und Konflikten bewährt sich die spirituelle Haltung des Vertrauens auf Gott und die Bereitschaft, sich täglich verwandeln zu lassen.

Benediktinische Spiritualität will keine Sonderwelt aufbauen, sondern die wesentlichen Aussagen christlichen Glaubens in den Alltag übesetzen.

Inkarnation - Fleischwerdung

Gemäß dem christlichen Glauben ist  Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden. Er teilt menschliche Geschichte in ihrer Endlichkeit und Gebrochenheit und heiligt durch seine verborgene Gegenwart zugleich den Alltag.
So ist jeder Christ - und damit auch der Mönch - gefordert, Gottes verborgene Gegenwart in den Lebensbedingungen und in den Menschen vor Ort zu entdecken und anzunehmen. Das Versprechen der „stabilitas“ (Beständigkeit und Bindung an eine Gemeinschaft) kann nur im Vertrauen auf den verborgen gegenwärtigen Gott riskiert werden, von dem ich mich angenommen weiß im Glauben: Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen. (Joh 1)

Passion

Äußerstes Zeichen der Menschwerdung Gottes ist der gekreuzigte Jesus Christus, der im Vertrauen auf Gott seinen Weg durch Leid und Tod geht. Die eigene Vergänglichkeit und Erfahrungen des Scheiterns im Vertrauen auf Gottes wandelnde Kraft anzunehmen, übersteigt menschliche Kräfte. Sie kann nur in der Haltung restlosen Vertrauens gewagt werden.

Jeder Christ - und eben auch der Mönch - ist gefordert, sich diesem Wandlungsprozess zu stellen. Die geistliche Traditon meint dies mit dem Versprechen des Gehorsams, der nicht die Unterwerfung unter eine Kommandostruktur meint, sondern die Haltung der Verfügbarkeit für den Wandlung schaffenden Gott.

 

Auferstehung

Ziel christlichen Lebens ist das in der Taufe geschenkte und verheißene neue Leben, das nicht durch menschliche Leistung erworben werden kann, sondern freies Geschenk Gottes ist. Jesus Christus hat es verkündet als Leben in der Herrschaft Gottes (Reich Gottes) und ist durch Leiden und Tod in dieses neue Leben vorausgegangen.

Jeder Christ - und auch der Mönch - ist letztlich zu diesem Leben berufen. Es beginnt mitten im Alltag, wenn „Heidenangst“ dem unbedingten Vertrauen auf Gott weicht. Es zeigt sich, wenn Menschen sich nicht mehr nur um sich und ihre Sorgen drehen, sondern mutig ins Abenteuer des Lebens aufbrechen und dem Neuen trauen, das Gott schon schafft. Im Versprechen der conversatio morum, bereit, Jesus und seiner Botschaft mehr zu vertrauen als den eigenen Sicherheiten und Ängsten, stellt sich ein Mönch diesem Abenteuer.

Geistbegabung

Die Schrittfolge des Evangeliums ist nicht der Gleichschritt, sondern die Überzeugung, dass die Gnade bunt (vielfältig) sei (vgl. 1Petr 4,9). Die Sendung des Geistes erzählt nicht davon, dass alle die gleiche Sprache sprechen, sondern sich in der Vielfalt der Sprachen gegenseitig verstehen. Christliches Leben gibt es in vielfältigen Ausprägungen. Benedikt zeichnen eine Weite des Herzens und großzügiges Maßhalten aus, „damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen.“ (RB 64, 19)

Benediktinische Spritualität ist der Überzeugung, die Papst Johannes XXIII. formulierte: "Ich bin nicht [dieser oder jener Heilige] und muß mich auch nicht genau so heiligen, wie er es getan hat, sondern wie es mein anderes Wesen, mein Charakter, meine verschiedenen Lebensbedingungen verlangen. Ich muß nicht die kümmerliche und dürre Reproduktion eines wenn auch noch so vollendeten Typs sein. Gott will, daß wir dem Beispiel der Heiligen solcherart folgen, daß wir ... es in unserem Blut umwandeln und unseren besonderen Anlagen und Umständen anpassen.“ (Geistliches Tagebuch, 16.1.1903)