Geschichte des Internats

Da den katholischen Bürgern Augsburgs in den Auseinandersetzungen der Reformation im 16. Jahrhundert die Gründung des protestantischen Gymnasiums bei St. Anna ein Dorn im Auge war, beschlossen sie, ein eigenes Gymnasium einzurichten. Der große Gelehrte Petrus Canisius sammelte Gelder für diese Schule. Nach einer großzügigen Spende der Fugger wurde 1582 die Gründung des Gymnasiums »St. Salvator« ermöglicht, dessen Leitung dem Jesuitenorden oblag. Der Rest dieses damaligen Jesuitenkollegs ist der heute so genannte »Kleine Goldene Saal« in der Jesuitengasse. Es standen auch finanzielle Mittel zur Verfügung, um 15 Knaben mit Herberge, Kost und Büchern versorgen zu können.

Anfänge des Internats: Jesuitenkolleg St. Salvator

Jesuitenkolleg St. Salvator (Jesuitengasse)
Jesuitenkolleg St. Salvator (Jesuitengasse)

Zur Gründung eines eigentlichen Seminars kam es erst 1661, als der Kaiserliche Rat und Advokat Dr. Erhard Schreiber aus Augsburg ein in der Nähe von St. Salvator gelegenes Haus kaufte und es unter die Obhut der Jesuiten stellte. 24 arme Studenten fanden hier Aufnahme und Verpflegung. Das Haus wurde dem hl. Joseph geweiht. Dieses Gebäude stand an der Stelle des heutigen Seniorenheims "Hofgarten-Carée" in der Jesuitengasse.

Trotz des Verbots des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. im Jahre 1773 blühten Gymnasium und Seminar weiter, da die Ordensbrüder in Augsburg als Weltpriester immer noch wirken konnten. Doch 1807 kam im Rahmen der Säkularisation das endgültige Aus für die beiden Anstalten. Zwei Jahrzehnte lang hatte Augsburg nur ein »vereinigtes« Gymnasium, St. Anna; für das Seminar gab es keinen Ersatz.

Übergabe an die Benediktiner

Internat für adelige Buben: Ludwigsinstitut am Stephansplatz
Internat für adelige Buben: Ludwigsinstitut am Stephansplatz

Erst 1828 erhielten die katholischen Augsburger mit Genehmigung König Ludwigs I. wieder ein eigenes Gymnasium nebst Studienseminar, das von Weltpriestern geführt wurde. Einkünfte waren in Form von Renten des ehemaligen Jesuitenseminars St. Joseph bei St. Salvator und mehreren Stipendien vorhanden. Als Gebäude diente der gegen Osten liegende Teil des ehemaligen Damenstifts von St. Stephan. Zweck des Seminars war eine gemeinschaftliche, wohlgeordnete, häusliche und christliche Erziehung. Gymnasial- und Seminardirektorat wurden anfangs in Personalunion geführt. Die Zahl der Zöglinge betrug im ersten Jahr 24 und wuchs im vierten Jahr schon auf 50. Als 1834/35 die Benediktiner Gymnasium und Seminar übernahmen, kam auf ganz persönlichen Wunsch König Ludwigs I. noch eine weitere Anstalt hinzu: das »Ludwigsinstitut« (Ecke Stephansgasse/Stephansplatz), ein Pensionat für Zöglinge aus dem Adelsstand, das König Ludwig zum Teil aus seiner Privatkasse stiftete. Seine Hoffnung war, "mancher bisher im Ausland erzogene bayrische Jüngling werde nun ... in den Schoß des Vaterlandes und in die Nähe seiner treuen Eltern zurückgerufen". Das »Ludwigsinstitut« bestand bis zum Zweiten Weltkrieg.

Der Seminarneubau 1909

Westfassade des Seminars vor dem Zweiten Weltkrieg
Westfassade des Seminars vor dem Zweiten Weltkrieg

Das Seminar an der Schwedenmauer platzte bald aus allen Nähten. 1876 wurde ein Ergänzungsbau errichtet, bis beide schließlich 1909 einem großzügigen Neubau in modernstem Jugendstil (Architekt M. Kurz) wichen.
Die Westfassade zum Hof hin ist geprägt von den beiden Werken des Bildhauers Georg Busch (1862-1943): zentral die Steinmetzarbeit "Hl. Joseph als Zimmermann mit dem Jesusknaben", unten der Brunnen mit der Bronzefigur des Herkulesknaben im Kampf mit der Hydra, dazu das lateinische Distichon als Inschrift:
ES PUER IMPAVIDUS LABOR IMPROBUS OMNIA VINCIT
EN PUER ALCIDES MONSTRA LABORE DOMAT

Herkulesbrunnen (Gg. Busch, 1809)
Herkulesbrunnen (Gg. Busch, 1809)
Hl. Joseph mit Jesusknabe (Gg. Busch, 1809)
Uhr an der Ostfassade
Hl. Joseph mit Jesusknabe (Gg. Busch, 1809)
Herkulesbrunnen (Gg. Busch, 1809)
Hl. Joseph mit Jesusknabe (Gg. Busch, 1809)
Uhr an der Ostfassade
Uhr an der Ostfassade
Herkulesbrunnen (Gg. Busch, 1809)
Hl. Joseph mit Jesusknabe (Gg. Busch, 1809)
Uhr an der Ostfassade

Nationsozialismus und Kriegszeit

Seminargebäude nach dem Angriff Februar 1944
Seminargebäude nach dem Angriff Februar 1944

Am 17.4.1939 wurde den Benediktinern die Leitung der Schule entzogen, die Führung des Seminars aber vorläufig noch den Mönchen belassen, während das Ludwigsinstitut ab 1.8.1939 mietweise an das Wehrbezirks-Kommando Augsburg überging. Doch auch das St. Joseph-Seminar blieb nicht ganz verschont (Feldlazarett; Militär- und Polizeiquartier), bis es schließlich am 16.7.1941 seinen Betrieb ebenfalls ganz einstellen musste.

Durch die furchtbaren Bombenangriffe vom 25./26.2.1944 wurden Kirche, Kloster, Schule und Ludwigsinstitut zerstört. Im Seminar, dem einzig erhalten gebliebenen Trakt im ganzen Ensemble, wurde die HJ einquartiert und das Haus nach einiger Zeit zum Wehrertüchtigungslager ausgebaut. Auch Polen in deutscher Gefangenschaft wurden dort untergebracht. Die HJ setzte zwar einiges am Seminar instand, zerstörte aber auch unnötig viel von den noch stehenden Gebäudeteilen.

Nachkriegsjahre

Aber am 29.4.1945 war auch für St. Stephan der Krieg vorbei. Vom Seminar stand zwar noch der größte Teil, doch in welchem Zustand! Die nötigen Renovierungen waren so umfangreich, dass der Betrieb erst an Ostern 1947 wieder aufgenommen werden konnte. Denn da das Gymnasium fast völlig zerstört war, musste nach dem Krieg in den Räumlichkeiten des Seminars auch noch die gesamte Schule untergebracht werden.
Von den Seminaristen unter den Altstephanern, die die Nachkriegszeit in St. Stephan erlebt haben, werden u.a. stets zwei Dinge als fest im Gedächtnis haftend erwähnt: die jährlichen Faschingstheater (Opern und Singspiele) im großen Studiersaal des 2. Stockwerks, und als zweites immer neue Aus- und Umbauten, um dem Nebeneinander von Schule und Seminar gerecht zu werden. Dieses Neben- und Ineinander währte bis zum Schulhausbau 1960. Die nun frei gewordenen Räume konnten für die inzwischen 165 Voll- und 50 Tageszöglinge bedarfsgerecht umgestaltet werden.

Wiederaufbau und Erneuerung

Anfang der 70er Jahre wurde klar, dass das Seminar modernen pädagogischen Anforderungen nicht mehr genügte (Hygiene, zu große »Wohn«-Einheiten, riesige Schlaf- und Studiersäle). Deshalb mussten die Gebäude im Süden und nach Westen hin weichen, die nach dem Krieg ohnehin nur notdürftig wieder hergerichtet worden waren, und zu Beginn des Schuljahres 1975 konnte die Mittel- und Oberstufe aus den alten Dachkammern bzw. Schlafsälen in die neuen Räume einziehen. 

Der Seminarneubau nach 1975
Der Seminarneubau nach 1975
Der große Speisesaal nach 2001
Billardraum
Der große Speisesaal nach 2001
Der Seminarneubau nach 1975
Der große Speisesaal nach 2001
Billardraum
Billardraum
Der Seminarneubau nach 1975
Der große Speisesaal nach 2001
Billardraum

Weitere Umbauten und Modernisierungen in den Jahren 1985 und 2001 galten der Statik und dem Raumprogramm des Altbaus. Im Parterre befindet sich - wie in alten Zeiten - ein großer Theatersaal, auf dessen Bühne sich immer wieder Schauspieltalente hervortun. Der Zuschauerraum kann durch Zwischenwände abgeteilt werden, so entstehen Räume für Tischtennis und Billard. Im ersten und zweiten Stockwerk gewann man - ebenfalls durch Trenn- und Faltwände - aus den alten großen Studiersälen mehrere kleinere Einheiten.
Durch die Erneuerung der Decken und eine neue Raumaufteilung in der südlichen Hälfte des Altbaus, wie im Frühjahr/Sommer 2001 geschehen, genügt nun auch dieser Trakt mit Speisesaal, Studiersälen und Spielzimmern heutigen Ansprüchen.

Den größten Einschnitt in der Geschichte des Studienseminars St. Joseph bedeutete die Schließung des Vollinternats im Sommer 2005 infolge rückläufiger Zahlen und vor allem wegen des Mangels an Mitbrüdern, die als Erzieher all die Jahrzehnte tätig gewesen waren.

 

Verfasser: Jürgen Mayrhofer und P. Gregor Helms OSB
Literatur:
Kellner, P. Alfons OSB, Geschichte der katholischen Studienanstalt St. Stephan in Augsburg, Augsburg 1928, im Selbstverlag.
Stephania, Jahrgänge 1928 - 1994, Augsburg, im Selbstverlag.