"Hilf mir, es selbst zu tun!"

Das Tagesinternat St. Joseph bei St. Stephan arbeitet seit vielen Jahren als Nachmittagsbetreuung des Gymnasiums bei St. Stephan. Seit einigen Jahren sind wir als Offene Ganztagsschule für das Gymnasium tätig. Im Schuljahr 2013/14 betreuen wir knapp 150 Kinder und Jugendliche in derzeit 7 Gruppen. Erfreulich ist, dass sich die Aufenthaltsdauer der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. Schieden früher die meisten Schüler nach der sechsten oder der siebten Klasse aus, so hat sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den achten und neunten Klassen massiv erhöht, wird also unser verstärkter Einsatz in der Mittelstufe entsprechend auch von den Jugendlichen und deren Eltern wahrgenommen und gewürdigt.

An dieser Stelle könnten wir über die besonderen Events im Tagesinternat, über Ausflüge und Feste, über Feiern und besondere Aktionen berichten. Es gäbe viele Geschichten und Anekdoten über unsere gemeinsamen Ausflüge zu erzählen, zahlreiche schöne und lustige Ereignisse sind uns auf allen möglichen Reisen mit Eltern und Schülern begegnet. Wir feiern, essen und trinken gemeinsam, im Dezember begrüßen wir den Nikolaus, der ein ganzes Wochenende das Tagesinternat besucht, wir gehen schwimmen und besuchen alle möglichen Museen und sportlichen Einrichtungen. Wir verbringen gemeinsame Nächte im Tagesinternat, in denen wir lesen und Filme miteinander anschauen, unsere Studiersäle zu Matratzenlagern umfunktionieren und, nach einer lustigen und aufregenden Nacht, noch gemeinsam frühstücken.  All diese Dinge haben einen wichtigen und berechtigten Platz in unserer Arbeit und auch eine wichtige pädagogische Funktion. Unsere tatsächliche pädagogische Tätigkeit geschieht allerdings oft im Detail, in der täglichen Arbeit, in den kleinen, oft so wichtigen Gesten und Aktivitäten. Darüber soll in diesem Artikel die Rede sein, über unser alltägliches pädagogisches Wirken, exemplarisch dargestellt an einigen Bereichen aus dem Alltag unseres Tagesinternats:

Frühdienst:

Jeden Morgen erscheinen zwischen 20 und 60 Schülerinnen und Schüler, um sich zu treffen, sich auszutauschen, Sachen für die Schule mitzunehmen oder auch noch einmal kurz Lerninhalte für die Schule zu wiederholen. Die Aufgabe des diensthabenden Präfekten: Da sein, aber vor allem den oft noch müden Kindern und Jugendlichen freundlich und offen gegenüberzutreten. Wir sind hier oft einer der ersten Erwachsenen, die die Kinder am Morgen treffen, umso wichtiger ist es, dass sie sich angenommen und begrüßt fühlen. Ein Lächeln, ein freundliches „Guten Morgen“, einige kurze und aufmunternde Sätze sind keine große Leistung und doch so wichtig, um gut in den Tag zu kommen, mit einer ersten positiven Erfahrung in den Schultag zu gehen.

Mittagessen:

Das Mittagessen ist immer eine turbulente Veranstaltung bei uns. Man muss sich nur einmal vorstellen: ca. 90 Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 7 und im anderen Speisesaal ca. 60 Jugendliche der Klassen 8 bis 12 kommen zusammen, nach sechs Stunden Unterricht, nach einem ganzen Vormittag Arbeit, Konzentration, Anspannung. Natürlich entlädt sich da manches und die Kinder müssen erst mal Dampf ablassen. Also besteht die Kunst darin, die Kinder nicht zu sehr zu gängeln und zu unterdrücken und trotzdem eine möglichst zivilisierte Essensatmosphäre zu schaffen. Außerdem gilt es bei dem einen oder anderen, grundsätzliche Essensregeln zu bewahren.
All diese Kinder werden sicherlich zuhause in einer zivilisierten Art und Weise essen. Im Seminar, in der Gruppe, vergessen einige durchaus, was sie an Regeln von zuhause mitbekommen haben. Hier gilt es, standhaft und ausdauernd zu sein und diese grundsätzlichen Verhaltensregeln beim Essen immer wieder in Erinnerung zu rufen und keine Verwilderung eintreten zu lassen. Auch der Wert von Nahrungsmitteln muss in einer klassischen Wegwerfgesellschaft immer wieder betont und erinnert werden. Wir beginnen das Essen gemeinsam mit einem kurzen Gebet. Die Kinder und Jugendlichen nehmen an dem Tisch Platz, an dem es das Menü gibt, das sie sich vorher ausgesucht haben. Wer möchte, bedient sich am täglichen Salatbuffet.


Das gemeinsame Essen ist ein bedeutendes Gemeinschaftserlebnis, die Kinder lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen und Essen als etwas Besonderes zu schätzen, auch als ein wichtiges Ritual, das nicht nebenbei, sondern in seinem ganzen Wert erkannt und geschätzt werden sollte. Deshalb sind wir auch immer wenig erfreut, wenn die Schülerinnen und Schüler während dieser Mittagszeit, die wir für äußerst wichtig zur Regeneration, aber vor allem auch als eine pädagogisch sehr wichtige Phase des Tages empfinden, irgendwelche Termine wahrnehmen müssen oder gar Unterricht auf die Mittagszeit gelegt wird. Das Signal ist: Gemeinsames Essen ist nicht so wichtig und das Ritual gesitteten und ruhigen Essens hat wenig Bedeutung! Ein in unseren Augen völlig falsches Signal!

Mittagsfreizeit:

Unsere Schülerinnen und Schüler gestalten die halbe Stunde der Mittagsfreizeit so vielfältig, wie es unser Haus möglich macht. Es gibt die klassischen Outdoor-Sportler, die sofort nach dem Mittagessen in unserem Innenhof einem Ball hinterher jagen. Sei es Fußball, Basketball oder irgendeine Art von Tischtennis im Freien. Für diese Kinder und Jugendlichen ist das Bedürfnis nach Bewegung existentiell wichtig und kann natürlich gerade in unserem Tagesinternat mit Gleichgesinnten sehr gut und intensiv ausgelebt werden.
Genauso gibt es aber auch jene Kinder, die sich eher zurückziehen und ein wenig Ruhe haben wollen. Dafür gibt es die Aufenthaltsräume für die einzelnen Jahrgangsstufen. Dort sitzen die Schülerinnen und Schüler und reden, erzählen sich Dinge oder sie hören gemeinsam oder alleine Musik.


Es gibt auch Schüler, die wollen sich mitteilen, die wollen uns Präfekten erzählen, was an diesem Tag schon alles geschehen ist. Aus diesem Grunde ist es oft wichtig, möglichst bald nach dem Mittagessen im Studiersaal zu sein. Dann gilt es, zuzuhören, den Kindern das Gefühl zu geben, man ist für sie da, nimmt sie wahr und nimmt Anteil an ihren Sorgen und Geschichten. Oft lachen wir einfach auch miteinander, weil es so wichtig ist, nicht nur ernst zu sein und nicht nur zu lernen, sondern auch etwas Spaß und Freude in das Seminarleben zu bringen, immer wieder etwas Leichtigkeit und Schönes in den normalen Alltag zu tragen. Vielleicht die wichtigste pädagogische Aufgabe überhaupt: Unsere Schülerinnen und Schüler individuell wahrnehmen, sie ernst zu nehmen und ihre Sorgen mittragen und anhören und dabei doch immer wieder Freude und Spaß in den Alltag bringen und nicht alles so „bierernst“ zu sehen.

Studierzeit:


In der Studierzeit ist jeder einzelne Präfekt täglich intensiv gefordert. Er muss jeden Tag den Spagat zwischen inhaltlichen Anforderungen und der Motivation der Schüler schaffen und dabei möglichst auf die individuellen Anliegen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen. Zu bemerken, in welchem Zustand ein Schüler oder eine Schülerin an diesem Nachmittag ist und was er oder sie im Besonderen an Betreuung, Zuwendung und Hilfe brauchen, stellt immer wieder eine hohe Herausforderung an die Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter dar. Dabei ist eben nicht nur die Hilfe bei schulischen Inhalten bedeutsam, sondern vor allem die Fähigkeit zur Vermittlung und oft auch sehr viel menschliche Unterstützung nötig. Lernen funktioniert am Besten in einem Umfeld der Ruhe, der Entspannung und des Sich-wohl-Fühlens. Dafür braucht es aber vor allem Mitarbeiter, die sich in die Kinder und Jugendlichen hineindenken können und sie dort unterstützen, wo es nötig und wichtig ist, die ruhig und souverän genug sind, als ruhender Pol der Gruppe zu fungieren, die die Fähigkeit und Autorität besitzen, Regeln klar einzufordern und deren Einhaltung auch zu gewährleisten und trotzdem eine möglichst freie und entspannte Atmosphäre schaffen können. Das benötigt eine für die Kinder sehr gradlinige und berechenbare Haltung und ist oft genug eben auch durch ein aufmunterndes Gespräch oder durch die Möglichkeit und Fähigkeit miteinander zu lachen zu schaffen. Und: es gibt kein Zuviel an Lob!


Die sogenannte „Dritte Studierzeit“ ist für alle Schüler freiwillig. In dieser Zeit bis 17.15 Uhr hat jeder Schüler noch die Möglichkeit, die Hausaufgaben fertig zu machen. Diese Option soll vor allem Schülerinnen und Schülern helfen, die Nachmittagsunterricht hatten. Gleichzeitig bieten wir in dieser Zeit die Fördergruppen an. Im Rahmen dieser Gruppen arbeiten wir mit den verschiedenen Jahrgangsstufen Unterrichtsinhalte noch einmal auf, bzw. bearbeiten wir die Schwierigkeiten und Fragen, die wir bei den Kindern und Jugendlichen im Verlauf der Studierzeit erkannt haben. Quer durch alle Altersstufen wird diese Übungs- und Hilfsmöglichkeit gerne angenommen, bietet sie doch, genau wie der Förderunterricht an den Seminarsamstagen, die Möglichkeit, sich noch einmal intensiv auf den Unterricht am nächsten Tag, aber vor allem auf kommende Extemporalien und Schulaufgaben vorzubereiten.

Es gibt im ganz normalen Semexalltag unendlich viele Begegnungen und Gelegenheiten, bei denen wir als Vorbild, als Helfer, als pädagogisch Wirkende gefragt sind. Sei es beim Spiel, oft genug einfach nur im Gespräch, aber oft auch als Erziehende, notwendige Regeln des Zusammenlebens Einfordernde. Wir beobachten und moderieren, wir helfen und stützen, wir sind aktiv und ziehen uns aber auch zurück, wo wir feststellen, dass unsere Schülerinnen und Schüler das aktuelle Problem gut selbst lösen können. Unsere Hauptaufgabe sehen wir in einem wirklich schönen Satz von Maria Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Wenn die Präfekten des Tagesinternats wirklich ernsthaft dazu beitragen können, dass unsere Kinder und Jugendlichen bei uns etwas besser für Ihr Leben als Schüler, aber vor allem auf das Leben insgesamt vorbereitet werden, dann waren wir wirklich erfolgreich!